„Noch ein totes Tier bewahrt stärkere Kräfte der Intuition als manche menschlichen Wesen mit ihrem unerbittlichen Rationalismus“ [Joseph Beuys]

Kaum einer weiß, dass der weltberühmte Filz- und Fettkünstler Joseph Beuys (1921-1986) von dem nicht minder bekannten Tierfilmer und Naturschützer Heinz Sielmann (1917-2006) im Zweiten Weltkrieg zum Bordfunker der Luftwaffe ausgebildet und dabei auch erheblich hinsichtlich seines naturwissenschaftlichen Interesses gefördert wurde. Sielmann inspirierte seinen Rekruten und veranslasste, dass dieser sich als Gasthörer an der Universität Posen in den Fächern Botanik und Zoologie einschrieb. Nach dem Krieg und einem verheerenden Absturz seines Kampfflugzeuges über der Krim, der ihn fast den Kragen kostete, arbeitete Beuys gemeinsam mit Sielmann an mehreren Tierfilmen, etwa über den Lebenszyklus des Wildes in den Birkenwäldern der Lüneburger Heide oder über Vögel im Schwemmland der Ems.

Im Werk von Joseph Beuys spielen Tiere seitdem eine wichtige Rolle. Der Künstler, welcher insbesondere durch sein Konzept der Sozialen Plastik und den Anspruch seiner Kunst, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern, einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, befasste sich zeitlebens in vielfacher Weise mit Tieren. Angefangen bei seinen frühesten Zeichnungen, über plastische Arbeiten, bis hin zu seinen späten Installationen und Aktionen.

Verstörend auf die zahlreich erschienen Zuschauer wirkte seine 1965 in der Galerie Schmela in Düsseldorf inszenierte Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“. Durch ein Fenster war zu beobachten, wie der mit Blattgold und Honig bedeckte Künstler einem totem Feldhasen, den er auf dem Arm trug, die Bilder der Ausstellung erklärte. Weitere Aktionen sollten folgen, etwa „I like America and America likes me“ im Jahr 1974. Damals verbrachte Beuys drei Tage gemeinsam mit einem lebendigen Koyoten in einer New Yorker Galerie. Diese Aktion gilt als erstes Kunstwerk, in dem ein Tier selbst zum handelnden Subjekt wurde und nicht mehr nur Objekt war, das der Künstler formte.

Nun wird Kunst gemeinhin ausschließlich als Menschenwerk betrachtet. Neben anderen Kenntnissen und Fähigkeiten, etwa der Verwendung von Feuer, Sprache und Kleidung, gilt sie uns heute als Kennzeichen der Menschwerdung, die sich im Laufe des Paläolithikums vollzogen hat. Feuer nutzt unsere Gattung nachweislich seit rund einer Million Jahre. Plastische und bildnerische Kunstwerke sind selten älter als 40.000 Jahre.

Aber wie sieht es eigentlich mit der Tierwelt aus? Kann der ungleich ältere Gesang der Buckelwale und der Nachtigall, der Nestbau des Tintenfisches nicht ebenfalls als Kunst betrachtet werden? Aus Sicht der heute ausschließlich evolutionistisch nach Kriterien von Mutation, Selektion und „Survival of the Fittest“ argumentierenden Zoologie und Verhaltensforschung gründen diese tierischen Äußerungen ausnahmslos im Willen zur Fortpflanzung, welcher den Bestand der Art zur Folge hat. Das Argument, dass beispielsweise der Maler Horst Janssen ebenfalls seine zahlreichen Frauenbekanntschaften mit seinem künstlerischen Ausdruck beeindrucken wollte, führt uns anschaulich die Kluft zwischen naturwissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher Interpretation vor Augen. Seit den Tagen, da das Alte Testament niedergeschrieben wurde, zementiert diese Doppelmoral die vermeintliche Überlegenheit des Menschen über das Tier.

Ich möchte hier nicht urteilen, empfehle meinen Lesern allerdings mit großem Nachdruck das Studium des neuguineischen Hüttengärtners (Amblyornis inornata) aus der Familie der tropischen Laubenvögel, insbesondere dessen musikalischer und architektonischer Fertigkeiten. Vielleicht wird uns dabei die Erkenntnis zuteil, dass wir einen unserer Spezies ebenbürtigen Kunstsinn nicht allein in den Tiefen des Alls suchen sollten:

Amblyornis inornata: Häuser

Parotia sefilata: Tänze

Dr. Knottos Koole Kunst Kolumne 7 (Welf-Gerrrit Otto 2022)