Wie eine animistische Weltsicht uns vor dem Untergang bewahren kann

Alice’s Adventures in Wonderland (John Tenniel 1865)

„Aber ich mag nicht unter verrückte Leute gehen“, bemerkte Alice. „Oh, dagegen kann man nichts machen“, sagte die Katze; „wir sind hier alle verrückt. Ich bin verrückt. Du bist verrückt.“ „Woher weißt du denn, dass ich verrückt bin?“, fragte Alice. „Du musst es sein“, sagte die Katze, „sonst wärst du nicht hierhergekommen.“

[Lewis Carroll]

Highlife (Welf-Gerrit Otto 2019)

[1] Die Kindliche Kaiserin

„Wenn wir ganz und gar aufgehört haben Kinder zu sein, dann sind wir schon tot“

[Michael Ende]

Für Kinder ist die ganze Welt beseelt. Im Spiel wandeln sich scheinbar unbelebte Gegenstände in Lebendiges, Kuscheltiere sprechen akzentfrei die menschliche Sprache und Zweige werden im Spiel wahlweise zu Seeungeheuern oder Segelschiffen. Inneres und Äußeres vermischen sich miteinander, die Erscheinungen sind untrennbar miteinander verwoben. Die Welt ist groß, bunt und voller Geheimnisse. Meine fünfjährige Tochter Franka verwandelt sich regelmäßig in einen Hund, einen Dinosaurier und dann wieder zurück in einen Menschen. Alles im Kosmos erweist sich als von einer transzendenten Kraft durchzogen, auf die mittels magischer Verrichtungen Einfluß genommen werden kann, durch Symbole, Gesten, Geräusche.

Keine geordneten, dem Primat der Wirtschaftlichkeit gehorchenden Forste sind die Wälder der Kindheit. Im Anfang sprießt und wurzelt es ununterbrochen im beseelten Blätterdickicht. Allerorten tummeln sich Einhörner und Feen zwischen dem Gehölz, im Untergrund rumoren Zwerge. Man kann diese Wesen durch Gesang beschwören, und ein am Wegesrand aufgehobener Stock wird durch eine aufgesetzte Kastanie zu einem Zauberstab, später zu einem Wikingerschiff mit dem man den Mond bereist. Überall ungebeugte Kraft, massenhaft. Getragen von Flugsauriern und gebettet in das weiche Moos einer lebendigen Erde kann man nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.

Heutigentags und hierzulande verändern sich die Landschaften der Kindheit mit dem Älterwerden in besonderer Weise. Aus Wildnis wird Weideland, aus Weideland Industriebrache. Sicher ist mit dem Erwachsenwerden immer und überall eine Verwandlung des Wesens verbunden, das hängt allein schon mit den körperlichen Veränderungen zusammen, welche die Adoleszenz zeitigt. Aber in unseren kognizentrischen, auf materiellen Ertrag und wirtschaftliche Effizienz ausgerichteten Leistungsgesellschaften kommt ein besonderer, nicht zuletzt auch für den Erhalt unseres Planeten nicht unwesentlicher Punkt hinzu: Die Entzauberung der Welt. Doch ohne die Kindliche Kaiserin in Michael Endes Unendlicher Geschichte kann nichts in Phantásien existieren. Ihre Lebenskraft ist unmittelbar an ihren Namen gebunden. Gerät ihr Name in Vergessenheit, benötigt sie einen neuen. Ansonsten stirbt die Kaiserin und ganz Phantásien mit ihr.[1] Derzeit sind wir weltweit gleichsam auf der Suche nach einem neuen Namen, nach einem neuen Ziel unseres Wirkens, konnten uns aber bisher nicht auf den richtigen einigen.

Geisterwald (Franka Gerritsdottir 2019)

Der Geist der Aufklärung hat die Welt zweifelsohne mancherorts heller gemacht, in humanistischer, wissenschaftlicher wie auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Aber aus dem anfänglich wärmenden Licht kognizentrischer Erkenntnis ist mit der Zeit ein greller Scheinwerfer geworden, der die hintersten Winkel unserer inneren Wälder aus ihren schöpferischen Träumen reist und die darin verborgenen schattenliebenden Geschöpfe derart ausleuchtet, dass diese entweder entsetzt Reißaus nehmen oder aber von der gleißenden Helligkeit derart durchleuchtet werden, dass nichts mehr von ihnen zu erkennen ist. In der Tat: die Dinge haben immer zwei Seiten. Wissenschaft entdeckt und verdeckt gleichermaßen – man kann mit ihr Tempel bauen aber auch Menschen foltern.

 

[2] Die Entzauberung der Welt

„Das Nichts zieht euch mächtig an und keines von euch wird ihm mehr lange wiederstehen.“

[Michael Ende]

Die Entzauberung der Welt jedenfalls schreitet voran wie das allesverschlingende Nichts in Michael Endes Unendlicher Geschichte. Und das nicht erst seit gestern. Im 18. Jahrhundert zogen Geodäten durch die Lande und machten vormals Ungeordnetes quantifizierbar und berechenbar. Die Vermessung der Welt hatte begonnen. Anorganische Chemie ermöglichte durch die Erfindung des Mineraldüngers die Nutzung vormals unbehauster Wüsteneien. Und unsere agrarindustriellen Landschaften kennen seit den Flurbereinigungsmaßnahmen der 1970er Jahre kaum noch versteckte Winkel und Ecken.

Unsere Körper werden von den Ärzten als Automaten betrachtet und beurteilt. Unser Denken wird zunehmend den Vorgaben der Digitalisierung angeglichen. Mitunter hat es den Anschein, dass nicht die Maschinen uns dienstbar sind, sondern dass es sich umgekehrt verhält. Närrisch und kindisch aber werden jene genannt, die sich wider aller vordergründigen Vernunft immer noch als Teil einer beseelten Welt begreifen. Der Soziologe Max Weber beschreibt 1917 die Entzauberung der Welt folgendermaßen:

Wissenschaft als Beruf

„Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet also nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: daß man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, daß es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt. Nicht mehr, wie der Wilde, für den es solche Mächte gab, muss man zu magischen Mitteln greifen, um die Geister zu beherrschen oder zu erbitten. Sondern technische Mittel und Berechnung leisten das. Dies vor allem bedeutet die Intellektualisierung als solche.“

[Max Weber 1917]

Dass die Welt durch eine allzu positivistische Wissenschaft zunehmend ihren Zauber verliert, ist allerdings keine Erkenntnis des 20. Jahrhunderts. Bereits Friedrich Schiller hatte 1788 in einem Gedicht, das in seinen Anfängen von René Descartes beworbene materialistische Weltbild beklagt:

Die Götter Griechenlands

Schöne Welt, wo bist du? – Kehre wieder, / Holdes Blütenalter der Natur! / Ach! nur in dem Feenland der Lieder / Lebt noch deine goldne Spur. / Ausgestorben trauert das Gefilde, / Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick, / Ach! von jenem lebenswarmen Bilde / Blieb nur das Gerippe mir zurück […] / Unbewußt der Freuden, die sie schenket, / Nie entzückt von ihrer Trefflichkeit, / Nie gewahr des Armes, der sie lenket, / Reicher nie durch meine Dankbarkeit, / Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre, / Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr, / Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere, / Die entgötterte Natur!“

[Friedrich Schiller 1788]

Hinter den Spiegeln (Welf-Gerrit Otto 2019)

Mit der Entzauberung der Welt ist allerdings auch der Respekt vor unserem Heimatplaneten weniger geworden, wenn er nicht sogar ganz gewichen ist. Wer Gaia nicht als lebendige Göttin begreift, sondern nur noch als zufällig entstandenen Gesteinsbrocken im All, der aufgrund kohlenstoffbasierter evolutionärer Prozesse organisches Leben hervorbringen konnte und dessen einziger Sinn und Zweck im wettbewerbsmäßigen Survival of the Fittest besteht, hat keinen unmittelbaren Bezug mehr zu unserer Erde und damit zu sich selbst. Unser Planet ist dann nicht mehr als ein Rohstofflager, das man bedenkenlos ausbeuten kann.

Diese Vorstellung allerdings steht ganz im Gegensatz zum Magischen Denken archaischer Kulturen und kleiner Kinder. Als wir im letzten Sommer wieder einmal durch den Leipziger Auwald streiften, sagte meine Tochter, die gerade im Bärlauchdickicht nach verlassenen Schneckenhäusern Ausschau hielt, mit einem Mal: „Papa, ich denke es ist so, dass die Bäume unsere Mamas und Papas sind.“ Das war ihre Reaktion auf meine naturwissenschaftlichen Ausführungen, als ich ihr erklärte, dass Pflanzen den lebenswichtigen Sauerstoff produzieren und auch sonst für den Menschen von Nutzen sind. Aus meinem ansozialisierten materialistischen Argumentationsmuster machte das Kind eine Genealogie der Geborgenheit, die alle Geschöpfe auf unserem Planeten zärtlich miteinander eint und zu einer großen freundlichen Schicksalsgemeinschaft werden lässt.[2] Man kennt das von Kinderbildern: In Sonne und Mond wird stets ein lachendes Gesicht gezeichnet, um deren Beseeltheit und unsere unmittelbare Verbindung mit dem Gestirn zu veranschaulichen. Kindlich genial. Aber so ist es nun mal.

Den Kopf in den Sternen (Welf-Gerrit Otto 2018)

[3] Magisches Denken

„Magisches Theater – Eintritt nicht für jedermann, nur für Verrückte“

[Hermann Hesse]

In der Ethnologie und Entwicklungspsychologie wurde vielfach darauf hingewiesen, dass Kinder und archaische Kulturen sich in ihren Weltbildern ähneln. Zumeist in Anlehnung an den Schweizer Biologen Jean Piaget wird angenommen, dass sich im Magischen Denken zwei- bis fünfjährige Kinder sozusagen ontogenetisch die kulturelle Phylogenese nachzeichnet.[3] Dass also Kleinkinder, evolutionär gesprochen, sich auf dem kognitiven Entwicklungsstand von primitiven Stammeskulturen befänden. Magisches Denken wird in diesem Zusammenhang als Vorstufe rationellen Denkens betrachtet, nicht aber als gleichberechtigte Weise der Welterklärung, was nebenbei bemerkt durchaus abwertend zu verstehen ist. An der offenkundigen Ähnlichkeit kindlichen und archaischen Denkens ändert dies allerdings nichts.

Magisches Denken wird heutigentags in drei Bereichen verortet. Neben entwicklungspsychologischen Aspekten und ethnologischen gilt es nämlich auch als Merkmal psychotischer Störungen. Laut dem Diagnostischen und Statistischen Manuals psychischer Störungen (DSM), dem international gebräuchlichen Klassifikationssystem der Psychiatrie, werden Erscheinungsformen des Magischen Denkens als Ausdruck schizotypischer Persönlichkeitsstörungen gedeutet.[4] Wer also weder Kleinkind noch Angehöriger einer primitiven Stammeskultur ist und trotzdem Formen des Magischen Denkens anhängt, bei dem handelt es sich dieser Auffassung zufolge allem Anschein nach um einen Verrückten.

Anthropologisch betrachtet ist Magisches Denken kulturübergreifend in Religion und Magie anzutreffen. Dazu gehört beispielsweise der Glaube an übernatürliche Fernwirkung und die Vorstellung, Gegenstände könnten Eigenschaften ihrer Besitzer übertragen. Äußere Ähnlichkeiten würden auf innere Beziehungen verweisen. Worte und Gedanken hätten Auswirkungen auf die Außenwelt. Neben der sichtbaren psychischen Welt gäbe es ein Reich der Geister und Götter, welches das Leben der Menschen beeinflussen würde und auf das umgekehrt durch bestimmte Menschen Einfluss genommen werden könne.

Schattenwurf (Welf-Gerrit Otto 2019)

[4] Das Prinzip Walden

 „Die Hochzeit der Seele mit der Natur macht den Verstand fruchtbar und erzeugt die Phantasie.“

[Henry David Thoreau]

Heute finden sich in der westlichen Welt derartige Vorstellungen zumeist im Bereich von New Age und Esoterik. Trotz aller berechtigten Kritik an den kitschigen Auswüchsen dieser Geistesströmungen, die sich im Übrigen auch bei anderen Weltanschauungen finden lassen, sollte man unvoreingenommen an die Sache herangehen. Bemerkenswert ist in jedem Fall die Verknüpfung des Glaubens ans Übernatürliche mit Aspekten des Umwelt- und Naturschutzes. Im Kern ist New Age eine romantische Bewegung.[5] Der Begriff wurde übrigens 1804 erstmals von William Blake im Vorwort zu seinem epischen Gedicht Milton verwandt. Allerdings beschreibt der heutige Gebrauch in erster Linie das Konglomerat an Ideen, das infolge der Hippiebewegung in den frühen 1980er Jahren populär wurden. Fraglos aber reichen die Wurzeln dieser Vorstellungen weit in die Vergangenheit zurück, insbesondere in die romantischen Vorstellungswelten des 19. Jahrhunderts.

Damals kam es infolge der sich verschärfenden Problemszenarien, die Folge der Industrialisierung waren, zu einer Rückbesinnung auf das Elementare und Naturnahe. Neben dem Interesse an Märchen, Sagen, Volkskultur brach sich eine Begeisterung für die Natur Bahn, die sich bereits etwas früher bei Friedrich Schiller und Jean-Jacques Rousseau in Reaktion auf einen allzu materialistisch argumentierenden Geist der Aufklärung ausmachen lässt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verband sich angesichts der sich immer mehr verschärfenden Bedrohungsszenarien durch Waldsterben und Umweltverschmutzung das aufkommende Bewusstsein der menschlichen Abhängigkeit von der Natur mit einer Begeisterung für magische Praktiken sowie ferne Zeiten und Völker.

Die Anfänge dieser Geisteshaltung reichen weit in die Vergangenheit zurück. Nun allerdings verschärfte sich die Situation und gerade heute ist eingedenk der globalen Auswirkungen des menschlich verursachten Klimawandels und des sich zu einem Horrorszenario auswachsenden Plastikproblems davon auszugehen, dass die diskursive Gemengelage der New-Age-Romantik zumindest in den westlich geprägten Gesellschaften erneut an Bedeutung gewinnen wird. Dies allerdings wäre nicht das schlechteste Bekenntnis. Denn ganz im Gegensatz zu den gegenwärtig weltweit populären Welterklärungsmodellen des Wirtschaftsliberalismus und der Technokratie steckt darin bei allem zu erwartenden Kitsch und Humbug ein gerade heutigentags überlebensnotwendiger Respekt vor der Natur, der sich nicht allein auf ihren vermarktbaren Wert reduziert, sondern uns zu einem Teil dieser Erde werden lässt, die dann endlich nicht mehr nur bloß Um-Welt ist. In Anlehnung an den amerikanischen Schriftsteller Henry David Thoreau und sein 1854 erstmals erschienenes gleichnamiges Buch nenne ich diese Weltanschauung das „Prinzip Walden“.[6]

Ymir (Welf-Gerrit Otto 2019) 

[5] Vom Schamanisieren

„Ich weiß, wer ich war, als ich heute morgen aufstand, aber ich glaube, dass ich mich seitdem mehrfach verwandelt habe.“

[Lewis Carroll]

Eng verbunden mit der Wiederverzauberung der Welt und dem kindlichen Blick des Magischen Denkens ist der gegenwärtig an Popularität gewinnende Begriff des Schamanismus. Zwar erlebt das Phänomen bereits seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts in den westlichen Gesellschaften zunehmende mediale Beachtung. Doch erst heute finden sich seine Erscheinungsformen milieuübergreifend in unterschiedlichen alltagskulturellen Kontexten. Schamanismus-Workshops sind gegenwärtig der Renner an deutschen Volkshochschulen und bei anderen Veranstaltern. Der Büchermarkt ist voll von Ratgeberliteraturen, die sich der Thematik widmen und nicht selten zu Bestsellern werden. Reiseveranstalter bieten Reisen ins Innere Amazoniens und in die Weiten der Mongolei an, um dort mit einheimischen Schamanen in Kontakt zu treten. Und wer sich berufen fühlt, kann sich im Rahmen zertifizierter Lehrgänge zum Schamanen ausbilden lassen.

Am Beispiel der gegenwärtigen Popularität des Schamanismus lässt sich die unbändige Sehnsucht unserer kognizentrischen, von der Natur entfremdeten Leistungsgesellschaften nach archaischer Spiritualität und elementarer Naturnähe aufzeigen. Es ist nicht verwunderlich, dass das Interesse an esoterischen Themen in den letzten Jahren an Fahrt aufgenommen hat. Denn der Schamanismus, wie man ihn im Westen versteht und praktiziert, ist eine Erscheinungsform urbaner Dienstleistungsgesellschaften.

Konglomerat (Welf-Gerrit Otto 2019)

[6] Anfänge und Bedeutungen

„Beginnen Sie am Anfang, sagte der König sehr ernst, und fahren Sie fort, bis Sie zum Ende kommen: dann hören Sie auf.“

[Lewis Carroll]

Heute wird der Begriff Schamanismus auf ein weltanschauliches Phänomen bezogen, dass sich global in verschiedenen Ausprägungen und Sonderformen findet und eng an Konzepte des Geisterglaubens gebunden ist. In populären Zusammenhängen wird der Begriff überwiegend auf seine ekstatische und mystische Erfahrung reduziert sowie im besten Fall mit schwammigen Konzepten ganzheitlicher Heilung, halluzinogener Drogen und Selbstfindung in Beziehung gebracht.

Ursprünglich kommt das Wort aus dem zentralasiatischen Raum, genaugenommen entstammt es den tungusischen Sprachen, präziser dem Ewenkischen. Dort bezeichnet šaman jemanden, der erregt und verrückt ist oder sich im Zustand der Ekstase befindet. Dies zumindest sind die etymologischen Deutungen, die zumeist in der Literatur genannt werden.[7] Es existieren allerdings noch weitere Herleitungen. Mitunter wird der Begriff auf das indische Pali-Wort śamana zurückgeführt, das im hinduistischen Kontext Asket oder Bettelmönch bedeutet. Die ewenkische Etymologie ist allerdings unbestritten die am weitesten verbreitete Theorie zur Wortherkunft. Nun bezeichnet Schamanismus keineswegs, wie häufig noch immer fälschlich angenommen, eine bestimmte Religion.

Vielmehr handelt es sich um ein weltanschauliches Phänomen, das sich aus verschiedenen Überzeugungen und daraus hervorgehenden Handlungen speist. In seinem Zentrum steht die Person des Schamanen bzw. der Schamanin. Die zentralasiatische Herkunft des Wortes hat dazu geführt, dass man in wissenschaftlichen Kreisen darüber uneins ist, ob man mit ihm ausschließlich spirituelle Experten aus dem tungusischen Sprach- und Kulturraum beschreibt oder ob man den Begriff weltweit auf verschiedene Magier, Heiler, Medizinmänner, Geisterbeschwörer anwenden kann, wenn diese bei Heilung und Divination Formen der Trance anwenden. Archaische Ekstasetechniken und Geisterglaube gehören jedenfalls zum Kernelement schamanischer Weltanschauung.[8]

Schwelle (Welf-Gerrit Otto 2019)

[7] Räume und Zeiten

„Es gibt Menschen, die können nie nach Phantasien kommen, und es gibt Menschen, die können es, aber sie bleiben für immer dort. Und dann gibt es noch einige, die gehen nach Phantasien und kehren wieder zurück. So wie du, Bastian. Und sie machen beide Welten gesund.“

[Michael Ende]

Als locus classicus des Schamanismus gilt Zentralasien, speziell das ewenkische Siedlungsgebiet. Frühe Berichte von Reisenden, Forschern und Missionaren aus dem 17. bis 19. Jahrhundert verwenden den Begriff bereits. Bald wurde die gesamte religiöse Welt der zirkumpolaren Ethnien Eurasiens und Nordamerikas unter diesem Wort subsumiert. Insbesondere durch die Erforschung der sibirischen Völker, der Inuit sowie der Indianer Nordamerikas gewann der Schamanismus mit der Zeit Bedeutung weit hinaus über den Kreis fachwissenschaftlicher Experten.

Eine einheitliche Kategorisierung wurde indes dadurch erschwert, dass sich seine Phänomene weltweit in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten ausmachen lassen. Schamanistische Vorstellungen und Praktiken finden sich bei den Jäger- und Fischerkulturen Nordeurasiens, aber auch bei den bäuerlich wirtschaftenden Kulturen des Himalayas und Südostasiens. In Wildbeuter- und Pflanzergesellschaften Nord- und Südamerikas, Ozeaniens, Australiens und Afrikas sind ebenfalls Schamanen aktiv. Und man findet sie sogar im urbanen Milieu japanischer und asiatischer Millionenstädte. Von der heutigen Verbreitung in westlich geprägten Gesellschaften ganz zu schweigen. Die lokalen Ausprägungen und Varietäten jedenfalls sind enorm. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Schamanen in vielen Ländern neben der offiziellen Staatsreligion praktizieren. Beispielsweise in der buddhistischen Mongolei oder dem schintoistischen Japan.

Prähistorische Funde, die an rezente Erscheinungen schamanischer Praktiken erinnern, legen nahe, dass bereits in der Altsteinzeit Schamanen am Werk waren. Fels- und Höhlenmalereien, Idole und Gebrauchsgegenstände mit rituellem Charakter zeugen davon. Bei aller Ähnlichkeit sollte allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass prinzipiell auch andere Deutungen der archäologischen Artefakte möglich sind. Als unbestritten gilt zumindest, dass unsere Vorfahren schon im Paläolithikum ihren spirituellen Überzeugungen Ausdruck verliehen haben. Häufig wird die Bedeutung der Jagd für die Gesellschaften der Steinzeit ins Feld geführt, um die Praxis des Schamanisierens in der menschlichen Frühzeit zu belegen. Die erfolgreiche Jagd ist für das Überleben von Wildbeuterkulturen von existentieller Bedeutung.

Wie noch heute in den Tiefen des Amazonasurwaldes oder den Weiten der Arktis üblich, könnten schon in der Frühzeit Schamanen jagdmagische Praktiken angewandt haben, welche die erfolgreiche Beschwörung von Tiergeistern oder den sogenannten Herren der Tiere zur Aufgabe hatten, um den Menschen so zu ihrer Jagdbeute zu verhelfen. Häufig werden die weltweit verbreiteten vorgeschichtlichen Höhlenmalereien mit ihren Jagdszenen und anthropomorphen Mischwesen dafür als Beweis angeführt.[9] Auf den Höhlenwänden finden sich Darstellungen von anthropomorphen Mischwesen, die an schamanische Séancen erinnern.

Umbilicus (Welf-Gerrit Otto 2019)

[8] Mittler zwischen den Welten

„Doch manche Dinge kann man nicht durch Nachdenken ergründen, man muss sie erfahren.“

[Michael Ende]

Ebenso wie sich Schamanismus nicht auf ein bestimmtes geographisches oder kulturelles Gebiet eingrenzen lässt, sondern als weltweites Phänomen in Erscheinung tritt, gibt es auch keine feststehenden Kategorien im Hinblick auf seine weltanschaulichen und rituellen Kategorien. Überdies sind schamanische Kulturen dafür bekannt, dass sie sich an den jeweiligen kulturellen Kontext anpassen, der sie umgibt. Man kann in diesem Zusammenhang von einer ausgeprägten synkretistischen Flexibilität sprechen. Allerdings existieren Merkmale, welche sich trotz regionaler Unterschiede in allen schamanischen Kulturen ausmachen lassen. Nähern wir uns dem Phänomen über seine Protagonisten, um ihm näher zu kommen:

Zweifelsohne steht der traditionelle Schamane in den Diensten seiner Gemeinschaft und bekleidet dort eine besondere Funktion. Sein hoher sozialer Status bemißt sich dabei nach seinem Wissen und Können. Dieses erwirbt er einerseits von einem oder mehreren Lehrmeistern. Neben der Initiation durch einen erfahrenen Lehrer spielen andererseits Visionen und Träume bei der Ausbildung eine wesentliche Rolle. Mitunter wird die Befähigung von den Ahnen vererbt. Häufig ist auch die Rede davon, dass die Geister eine bestimmte Person auswählen, die ihnen als geeignet erscheint. Dieses Erwähltsein zum Schamanen gestaltet sich allerdings alles andere als angenehm und erhaben, wie heutige Anhänger der esoterischen Szene vielleicht denken könnten.

Vielmehr geschieht es durch physische und psychische Krankheit. Durch die sogenannte Schamanenkrankheit zwingen die Geister ihren Wunschkandidaten dazu, sich der Ausbildung zu stellen.[10] Wer sich allerdings dem Willen der Geister widersetzt, wird weiter von ihnen gequält und gepiesakt. Die Berufung äußert sich nicht selten als schwere und chronische Krankheit. Nur durch das Eiverständnis des Initianden, sich zum Schamanen ausbilden zu lassen, kann dieser wieder gesunden. Oft wird die Krankheit als Zerstückelung oder Skelettierung erlebt, als Sterben mit anschließender Wiedergeburt.

Es gibt viele Berichte über die schamanische Berufung mittels Krankheit. Im Folgenden ein Auszug aus einem Interview, das mit einem Mann vom sibirischen Stamm der Sojonen in den 1960er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geführt wurde:

Schamanenkrankheit„Mein Vater war zuerst kränklich, er hatte ein schwaches Herz und demzufolge Anfälle. Darum dachte man, daß er nun schamanisieren müsse. Es erschien ihm ein Geist, das heißt, es waren zwei Geister: Säräl coydu und Tämir gastaj. Der erstere war ein großer Geist (Uluy aza). Am Khamsara lebte der berühmte Schamane aus der Sippe Aq códu, Amyj oder Taqqa; diesen brachte man zu meinem Vater. Amyj sagte: ‚Am 15. dieses Monats wirst du Schamane werden.“

[Vilmos Diószegi 1968]

Holarktische Gärten (Welf-Gerrit Otto 2019)

[9] Allverbundenheit und Geisterwelt

„Von guten Mächten treu und still umgeben / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist mit uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

[Dietrich Bonhoeffer]

Im schamanischen Weltbild wird alles von Geistern bestimmt und beeinflusst. Auch Krankheiten, die aus diesem Grund nicht physisch, sondern auf spiritueller Ebene gedacht und behandelt werden. Die wesentliche Aufgabe des Schamanen besteht in ihrer Funktion als Mittler zwischen den Welten, als Mittler zwischen der Welt der Menschen und jener der Geister. Im Vordergrund steht dabei die Heilung körperlicher und seelischer Erkrankungen. Denn Geister sind es, die aus verschiedenen Gründen Krankheiten bei Mensch und Tier hervorrufen, diese aber auch heilen können. Zumeist sind es Ahnen- oder Tiergeister, die im Traum oder in Visionen erscheinen.

Um in der Geisterwelt zu bestehen, verfügt der Schamane über mehrere Hilfsgeister. Denn allein wäre er nicht in der Lage sein Amt adäquat auszuüben. Das ist sicherlich auch der wesentliche Unterschied zu Zauberern, Magiern und anderen Experten, die sich außer dem Schamanen noch in diesem Bereich tummeln. Und ist es nicht eigentlich immer so, dass man nur gemeinsam etwas ausrichten kann? Mit seinen Gehilfen aus der Geisterwelt jedenfalls gelingt es ihm, krankheitsverursachende Geister zu erkennen und aus den Körpern der Patienten zu vertreiben. Während seiner Ausbildung macht sich der Schamane die Hilfsgeister dienstbar. Man kann sich das vielleicht so vorstellen, wie in einem dieser Rollenspiele, in denen die Charaktere über bestimmte Superkräfte verfügen. Der Wert eines Schamanen bemisst sich nach der Macht und Stärke seiner Hilfsgeister.

Im Kern liegt dieser Vorstellung ein animistisches und pantheistisches Weltbild zugrunde. Demzufolge ist alles in der Welt belebt – neben Menschen, Tieren und Pflanzen auch Steine, Berge, Seen und Flüsse. Und nicht allein belebt: die ganze Welt ist von Geistern beseelt. Grundsätzlich bedeutet dies erst einmal, dass alle Erscheinungen unserer Welt über ein Bewusstsein ihrer selbst verfügen kraft dessen sie mit anderen Wesensheiten interagieren. Die Welt funktioniert dieser Vorstellung zufolge nicht mechanisch und unbewusst nach den Grundlagen naturwissenschaftlich nachvollziehbarer Gesetzmäßigkeiten, sondern durch das Wirken unterschiedlich motivierter Geistwesen.

Im schamanischen Weltbild begegnet der Mensch der Natur nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe. Es geht ihm nicht darum, sich eine unbelebte Welt untertan und nutzbar zu machen. Vielmehr ist die umgebende Natur nicht vom Inneren des Menschen zu trennen, sie ist keine Um-Welt, so dass man persönliche und soziale Beziehungen mit ihr und ihren unterschiedlichen Erscheinungen eingehen kann. In der Verbundenheit mit der Natur, mit Tieren, Pflanzen und Landschaften zeigt sich das zentrale Grundelement des Schamanismus. Einsamkeit weicht hier einem heilenden All-Ein-Sein. Das offenbart sich nicht zuletzt in der zumeist zoomorphen Gestalt der Hilfsgeister. Die Beziehungen zwischen Mensch, Natur und Übernatürlichem sind dieser Kosmologie zufolge dynamisch. Genaugenommen existieren diese Kategorien überhaupt nicht. Statt Abgrenzungen finden sich mannigfaltige Verknüpfungen zwischen den Bereichen.

Hulda Folk (Welf-Gerrit Otto 2019)

[10] Wo Elfen Bauvorhaben stoppen

Vor wenigen Jahren wurde nahe der Stadt Siglufjörður im Norden Islands bei Straßenarbeiten der Álfkonusteinn versehentlich zugeschüttet. Das sollte weitreichende Folgen haben. Denn von dem Felsen wurde seit jeher angenommen, dass es sich bei ihm um die Wohnstatt von Elfen handelte. Verständlicherweise waren diese nicht sonderlich davon begeistert, dass die Bauarbeiter ihren Stein rücksichtslos unter Schutt und Geröll begraben hatten. Das konnten sie nun im wahrsten Sinne des Wortes nicht auf sich sitzenlassen. In der Folge ereigneten sich dann auch einige ausgesprochen rätselhafte Dinge. Die Straße wurde ohne vorherige Anzeichen plötzlich überschwemmt, Baumaschinen versagten ihren Dienst. Es ging so weit, dass ein Mensch im Matsch verunglückte und gerettet werden musste.

In Island gehört der Glaube an Naturgeister zum Alltag. Zahlreiche Bauvorhaben wurden in der Vergangenheit gestoppt, weil unerklärliche Dinge vorort geschehen waren, die man als Zorn von Elfen, Trollen und Zwergen interpretiert hatte. Auch der Álfkonusteinn wurde von der zuständigen Baufirma reumütig wieder ausgegraben und anschließend sogar mit dem Hochdruckreiniger gesäubert. Seit 2012 existiert in Island ein Gesetz, das bestimmte, mit Naturgeistern in Zusammenhang stehenden Orte unter strengen Schutz stellt. Im isländischen Baugenehmigungsverfahren ist seither fest verankert, dass jedes Bauvorhaben einer eingehenden Prüfung unterzogen werden muss, ob dadurch möglicherweise Plätze in Mitleidenschaft gezogen werden, die laut Sagen und anderen Volkserzählungen Wohnorte von Naturgeistern sind.

Und davon gibt es nicht wenige auf der Insel im Nordatlantik. Isländische Bauämter beauftragen zu diesem Zweck externe Gutachter, die sich mit der Materie bestens auskennen. Die vor wenigen Jahren verstorbene Erla Stefánsdóttir gehörte zu diesem Personenkreis. Da sie über spezielle Fähigkeiten im Umgang mit dem Huldufólk, dem Verborgenen Volk verfügte, beschäftigten sie die isländischen Behörden über Jahre als sogenannte Elfenbeauftragte, was allerdings entgegen vielfacher Auffassung keiner dauerhaften offiziellen Funktion entsprach.[11] Erla Stefánsdóttir fertigte auch Landkarten an, in denen sie die von ihr gesichteten Vorkommen von Naturgeistern verzeichnete. Die Klavierlehrerin aus Reykjavík war allerdings nicht die einzige Gutachterin, die von isländischen Kommunen beschäftigt wurde.

In Island werden solche Expertisen ernst genommen und sind weit mehr als touristischer Firlefanz. Als Folge werden nicht selten geplante Straßenführungen umgeleitet, um besondere Felsformationen und andere Landmarken zu schützen. Was auf dem europäischen Festland bisher undenkbar ist, gehört in dem hochentwickelten Land im Norden zur absoluten Normalität. So befindet sich beispielsweise im Álfhólsvegur, dem Elfenhügelweg im Ort Kópavogur vor dem Haus Nr. 125 eine Straßenverengung aufgrund eines solchen Felsens. Und in der Hauptstraße der Stadt Grundarfjörður nimmt ein großer Stein zwischen den Häusern 84 und 86 den Raum des Grundstücks Nummer 84 ein. Der Glaube an Naturgeister ist kein Ding der Vergangenheit. Und er ist keineswegs unvereinbar mit einer modernen Lebensweise, wie am Beispiel Island deutlich wird.

Häute heute (Welf-Gerrit Otto 2019)

[12] Highlife in the Bush of Ghosts

Seit den 1990er Jahren erleben schamanistische Vorstellungen sowohl in den westlichen als auch in den postsozialistischen Gesellschaften eine ungeheure Popularität. Selbstverständlich geschieht dies unter veränderten gesellschaftlichen Voraussetzungen, weshalb mancher humorlose Wissenschaftler dem sogenannten Neoschamanismus jegliche Existenzberechtigung abspricht. Für die umfängliche Popularität schamanistischer Konzepte und Praktiken gibt es je nach gesellschaftlichem Hintergrund divergierende Ursachen.

Nach dem Niedergang des real existierenden Sozialismus und seiner radikalen Ablehnung alles Religiösen und Spirituellen, konnten sich die Menschen in den entsprechenden Ländern wieder ihren eigenen Traditionen zuwenden, was sie auch munter taten. Überdies kam es in den postsozialistischen Ländern zu einer ideologischen Neuausrichtung mit nationalistischen Tendenzen. Jahrzehntelang waren nationale Identitäten der kommunistischen Ideologie untergeordnet wurden. Nach dem Ende der Sowjetunion erlebt der Nationalismus vielerorts eine Renaissance. Verbunden damit sind auch volkskulturelle und volksreligiöse Ausprägungen, wozu man in vielen eurasischen Ländern eben auch den Schamanismus zählt. Seit dem Ende des Kalten Krieges kann man beispielsweise in der Mongolei eine massive Rückbesinnung auf Geschichte und Volkskultur unter nationalistischen Vorzeichen erleben, die zu Sowjetzeiten nicht möglich gewesen wäre und die einer gewissen großkotzigen Lächerlichkeit nicht entbehrt.

Erstmals seit vielen Jahren können legal schamanistische Rituale vollzogen werden. Früher war so etwas verboten gewesen, Schamanen waren nicht selten strafrechtlich verfolgt und eingekerkert worden. In einigen Republiken, etwa in Tuwa oder Burjatien, entstanden vor wenigen Jahren Schamanenvereinigungen, die sich unter anderem der Ausbildung von jungen Schamanen widmen. Traditionelle schamanische Heilmethoden gelten als Alternativen zur westlichen Medizin. Vor dem Hintergrund der Renationalisierung kann die Schamanismuswelle der Gegenwart durchaus als nationale bzw. ethnische Emanzipationsbewegung betrachtet werden.

Ganz anders verhält es sich in den Gesellschaften des Westens. Die Motivation für die Begeisterung am Schamanismus gründet hierzulande keineswegs auf die Suche nach nationalstaatlicher und ethnischer Identität. Erfreulicherweise möchte ich meinen. Vielmehr sind es die eingangs beschriebenen naturromantischen Strömungen, die seine Popularität begünstigen. Das Prinzip Walden kennt kein Heimatland, seine Territorien beginnen jenseits der engen Umgrenzungen beschränkter nationaler Selbstverordnung. Zwar nehmen auch hierzulande Neoschamanen Bezug auf die reichhaltige germanische, keltische und slavische Überlieferung. Allerdings geschieht dies bis auf einige wenige sackdoofe Vertreter rechter Esoterik ohne völkische Gesinnung.

Mögen die Motivationen in Ost und West für den Glauben an ein animistisches Weltbild auch unterschiedlich sein. Gemeinsam ist beiden Strömungen eine Wiederverzauberung der Welt, eine heilsame Rückkehr zu kindlichen Ursprüngen, die nicht zwangsläufig unreif, fortschrittsfeindlich und reaktionär sein muss. Dem Diktat des vordergründigen Nützlichkeitsdenkens, welches die Erde nach Gesichtspunkten wirtschaftlicher Ausbeute in ein enges unbelebtes Schachbrettmuster zwängt und uns an den Rande des ökologischen Kollapses gebracht hat, werden Erzählungen entgegengesetzt, die von einem beseelten Planeten handeln, von einem freundlichen Miteinander aller Wesen. Die Natur ist nicht mehr nur Um-Welt, sie ist zur Mit-Welt geworden oder gar zu einem Teil unserer selbst. Gerade angesichts der globalen Schreckensszenarien von Plastikflut und Klimawandel können derartige Diskurse uns wieder zurück auf den rechten Weg bringen und uns im besten Fall vor dem drohenden Untergang bewahren.

Wenn der Preis dafür nur in einem uns angesichts unserer eigenen unrühmlichen Vergangenheit in diesen Dingen befremdenden Nationalstolz ehemals unterdrückter Völker besteht sowie ein, unseren vermeintlich guten Geschmack als Bildungsbürger verletzender Esoterik-Kitsch dabei in einigen Milieus zwangsläufig damit einhergeht, sollten wir das billigend in Kauf nehmen und derartige Diskurse wo es geht unterstützen. Denn Pachamama lebt. Und wir mit ihr.

Welf-Gerrit Otto

wgotto@web.de

 

Hörtipps zur Lektüre

Anthropozoo (Welf-Gerrit Otto 2019)

Literatur

Böldl, Klaus (2013): Götter und Mythen des Nordens. Ein Handbuch. München: C. H. Beck.

Diószegi, Vilmos (1968): Tracing Shamans in Siberia. Oosterhout. P. 58.

DSM 2015 = Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen (DSM 5). Hrsg. von Peter Falkai und Hans-Ulrich Wittchen. Göttingen: Hogrefe.

Duerr, Hans Peter (2015): Die dunkle Nacht der Seele. Nahtod-Erfahrungen und Jenseitsreisen. Berlin: Insel.

Ejerfeldt, Lennart (1971): Germanische Religion. In: Handbuch der Religionsgeschichte. Band 1. Hrsg. von Jes Peter Asmussen. Bd. 1. Göttingen. S. 277-342.

Eliade, Mircea (2006): Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Ende, Michael (1979): Die unendliche Geschichte. Stuttgart: Thienemann.

Findeisen, Hans (1957): Die Schamanenkrankheit als Initiation. Eine völker- und sozialpsychologische Untersuchung. Abhandlungen und Aufsätze 1945. Augsburg: Institut für Menschen und Menschheitskunde.

Harrison, Robert Pogue (1992): Wälder. Ursprung und Spiegel der Kultur. München: Carl Hanser.

Hesse, Klaus (2001): Schamanismus. In: Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Hrsg. von Hubert Cancik, Burkhard Gladigow und Karl-Heinz Kohl. Stuttgart: Kohlhammer.

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Wohlleben, Peter (2015): Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt. München: Ludwig.

 „Eines der tiefen Geheimnisse des Lebens ist, dass alles, was das Tun wirklich wert ist, das ist, was wir für andere tun.“

[Lewis Carroll]

 

Anmerkungen

[1] Michael Ende 1979.

[2] Peter Wohlleben 2015.

[3] Vgl. etwa Resch 1999: 163, 176.

[4] Vgl. DSM 2015.

[5] Vgl. Sebald 1984.

[6] Henry David Thoreau 1905.

[7] Vgl. etwa Hesse 2001.

[8] Vgl. Eliade 2006.

[9] Leroi-Gourhan 1981, Müller 2006.

[10] Vgl. Findeisen 1957.

[11] Stefánsdóttir 2003.